Gründe und Konsequenzen in der Landschaftsplanung

Von Dipl. Ing. Bernd Baumgart, Landschaftsplaner


Die Veränderungen im Jagdrecht werden in Deutschland auch die Naturschutzgesetze nachhaltig beeinflussen. Im Naturschutzrecht ist die Landschaftsplanung der Teil, der einen Ausgleich konkurrierender Interessen gewährleisten soll. Wie wären Jagdverbote in Schutzgebieten aus dieser Sicht zu beurteilen?

Dass in Schutzgebieten überhaupt gejagt werden darf, erscheint zuallererst paradox. Als Gründe wurden u.a. ein zu hoher Hirsch-, Reh- und Wildschweinbestand bei fehlender Bejagung und damit ein zu starker Druck auf das Kulturland angenommen.
In Naturschutzgebieten sind nach Rechtsprinzip aber alle heimischen Lebewesen gleichberechtigt und stehen vorrangig vor einer menschlichen Nutzung. Naturschutzgebiete sind damit klar vom Kulturland abgegrenzt.
In Naturschutzgebieten sollte der Schutz der Tiere vor der menschlichen Nutzung stehen. Die Großtiere sollten nach geltendem Recht in Schutzgebieten nicht bejagt werden, weil sie als Schlüsselarten wichtige Naturprozesse bewirken. Eine Kette von Synergismen, also das Zusammenwirken verschiedener Faktoren in gleicher Richtung, wird durch das Handeln der Tiere ausgelöst. Beispielsweise wird durch das Wühlen der Wildschweine der Boden belüftet und Pflanzenwachstum angeregt, oder durch das Äsen der Hirsche können Freiflächen z.B. im Waldbestand langzeitig offen bleiben.

Tiere bewirken wichtige Naturprozesse

Die Vorteile für Tier- und Pflanzengemeinschaften, die durch Prozesse der Schlüsselarten initiiert sind, scheinen offenkundig. Die Vorkommen lichtliebender Pflanzen wie die Eiche und die Hasel in Deutschland sind genauso wie das Vorkommen von Offenlandarten, z.B. Stieglitz und Heidelerche, natürlicherweise nur durch große Säugetiere möglich. F.W.M. Vera vom niederländischen Ministerium für Landwirtschaft, Naturpflege und Fischerei gehört zu der wachsenden Zahl von Aufklärern, die seit Jahren auf die wechselseitige Abhängigkeit von Tieren und Pflanzen hinweist.

Nur in jagdfreien Schutzgebieten können heimische Wildtiere wissenschaftlich beobachtet werden

Welche Rolle spielen Großtiere für die Pflanzenverbreitung durch Samentransport? Auch über die natürlichen Bestandsgrößen von Großtierarten auf verschiedenen Flächen ist in Deutschland nichts bekannt. Nur in Schutzgebieten ohne Jagd könnten Großtiere umfassend untersucht werden, weil nur hier einfache Beobachtungen ohne die Scheu der Tiere möglich wären. Der bekannte Göttinger Wildbiologe Antal Festetics konstatierte deshalb schon vor Jahren: »Fachleute und Laien wissen heute deutlich mehr über die großen Tiere Afrikas als über Hirsch, Reh oder Wildschwein in Deutschland.«
Nun einiges wissen wir heute schon über die großen Tiere Mitteleuropas, was die Jagd und die Tiere betrifft.

Schäden durch die Jagd hausgemacht?

Die Jagd ist in den Verdacht geraten, selbst die größte Mitschuld an Schäden im Kulturland zu verursachen. Ob es um die starke Beunruhigung geht, die zu erhöhtem Nährstoffbedarf der Tiere oder zum unnatürlichen Einstehen im Jungkulturenwald führt - auch das Abschießen von ranghohen Tieren führt durch den damit verbundenen Traditionsverlust zum Stress der Population und somit zur unnatürlichen Fernwanderung, die die Tiere im Kulturland in den Konflikt mit den Menschen bringt.

Unverständlich: Jagd in deutschen Nationalparks

Leider sind diese wissenschaftlichen Erkenntnisse offenbar noch nicht zu den Nationalparkdirektoren Deutschlands vorgedrungen. Für Hubertus Meckelmann, Leiter des brandenburgischen Naturparks »Nuthe-Nieplitz-Niederung« ist unverständlich, weshalb »bei flächendeckendem Alt-Kiefernwald im Müritz-Nationalpark z.Z. der Hirsch- und Rehbestand rigeros bejagt wird, obwohl in den alten Forstflächen natürlicherweise ohnehin wenig Baumnachwuchs vorhanden ist.« Auch die z.Z. starke Bejagung im Harz-Nationalpark ist Meckelmann unverständlich: »Der Harz-Nationalpark hat große künstlich vom Menschen angelegte Fichten-Forste, die heute unerwünscht sind. Der Orkan `Lothar´, der 1999 in Süddeutschland tobte, zeigt uns, dass die Natur Fehler des Menschen selbst reguliert, Baumnachwuchs sich von selbst einstellt und die Jagd unnötig ist.«

Der Wald ist kein Kartoffelacker

Der Mensch scheint Biotope nur wenig stabilisieren zu können. Heute erkennen wir langsam, dass beispielsweise der Wald nicht wie ein Kartoffelacker zu behandeln ist. Das ständige Herausnehmen von Holz, und damit Nährstoffen wie Phosphat, kann im Waldboden zu Ungleichgewichten und damit zu den bekannten Waldschäden führen. Der Mensch ist nur ein Teil der Ökosysteme. Unser Überleben hängt von ihrer Vielfalt und ihrem Funktionieren ab. Und wir brauchen fruchtbare Böden.
Heute wird die Ausrottung der Beutegreifer wie Bär, Wolf und Luchs vielerorts beklagt. Eine natürliche Dynamik ist also von Vorteil.

Jagdfreie Schutzgebiete sind eine Pflicht der Allgemeinheit

Erste Ansätze für diese Schutzgebiete finden wir in Schleswig-Holstein. Im Naturschutzgebiet »Geltinger Birk«, am Ausgang der Flensburger Förde, wurden Koniks, rückgezüchtete mitteleuropäische Wildpferde, angesiedelt. Die Wildpferde sollen auf 500 Hektar das Gebiet offenhalten. Einen Schritt weiter sind die Holländer, die im Schutzgebiet »Oostvaardersplassen« auf 5600 Hektar seit über 20 Jahren rückgezüchtete Wildpferde und rückgezüchtete Ure zusammen mit Rehen und Rothirschen frei sich selbst überlassen. Eine Aufnahme rückgezüchteter Arten in das Naturschutzgesetz wird somit unumgänglich. Genauso wichtig wäre ein Rechtsschutz einwandernder Arten wie beispielsweise für den Goldschakal, der seit 1996 in Brandenburg registriert wird und z.Z. sich vom Balkan aus nord-westlich ausbreitet. Der Goldschakal, der Wolf und die Wildkatze können leicht mit Haustieren verwechselt und abgeschossen werden. Aus tierschützerischen und ökologischen Gründen sollte deshalb die Jagd auf Haustiere generell verboten werden.
Nur konsequente Jagdverbote werden uns helfen, Naturzusamenhänge und Naturprozesse zu verstehen.

(Quelle: Magazin »Freiheit für Tiere« 4/2004)

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